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Kinderhilfe/Haiti

 

12. Oktober 2011

Liebe Freundinnen,

ich möchte Euch etwas über meine Arbeit auf Haiti in den letzten Monaten mitteilen.

Seit dem Erdbeben ist das Niveau in den Schulen gesunken. Die Gründe sind zahlreich. Die Kinder finden nicht zur Ruhe, das Erdbeben ist allgegenwärtig. Es ist sehr eng in unseren Schulen. Viele unserer Schüler leben noch in Zelten. Den Heimgang von zahlreichen Mitmenschen haben die wenigsten bisher verkraftet. Die prekäre finanzielle Lage, die Demütigung durch Geberinitiativen, der Einfluss von neuen Sekten und Religionen, die sich auch ins Land eingeschlichen haben, der Kontrast zwischen der großen Not und der Feststellung, dass im Land sehr viel Geld kursiert, all das und vieles mehr lassen uns als Volk altgemein etwas müde wirken. In den Schulen, die ich oft aufsuche, fand ich die Schüler laut, aggressiv, den Lehrern gegenüber meist unhöflich, arrogant vor. Wir fanden Schnaps bei einem Drittklässler und bei einem anderen ein Handy mit Telefonnummern aus der Dominikanischen Republik. Das Niveau und die schulische Leistung litten in den letzten zwei Schuljahren unter diesen Umständen.

Ich habe die Idee gehabt, mit den Erziehungsberechtigten in diesem neuen Schuljahr einen Vertrag zu unterzeichnen, in dem sie mehr zu Verantwortung heran gezogen werden. Ob es etwas bringt, wird sich herausstellen. Die Eltern schienen von dieser neuen Maßnahme begeistert zu sein, haben sie doch verstanden, dass es uns ausschließlich um das Wohl ihrer Kinder geht. Es gibt auch einen Grund zur Freude: unser erster Jahrgang von Abiturienten hat die Schule verlassen!

27 Schüler haben das Abitur bestanden. Ich liste die Namen auf, weil ich in letzter Zeit nicht viel Information über Eure Patenkinder gegeben habe. Vielleicht findet eine Schule oder ein Privatspender mit Freude ein Patenkind, das sie/er seit Jahren unterstützt. Die Abiturienten kommen aus beiden Primarschulen, BethEL und Sainte-Catherine. Ich fürchte, dass nicht einmal ein Zehntel von ihnen eine Ausbildung anfangen kann.

Wir hatten, sie und ich, ganz kurz vor meinem Abflug Zeit zu einem kleinen Austausch. Wir müssen weiter kämpfen, damit sie eine gewisse finanzielle Unabhängigkeit durch Beruf und Arbeit erreichen. Ihre Berufswahl habe ich in einem mitgebrachten Heft notiert, damit ich diese Informationen bei mir habe.

Die Namen:

Dagrin Samson, Jean-Bertrand, Descartes Clemence, Seide Ephine, Dagrin Monique, Gustave, Saintil Wisson, Celestin Chrisla, Dagrin Horyol, Hamousette Sandra, Cedme Samuel, Fanor Daniel, Clerveau Geffalus, Bien-Aime Carlos, Joseph Assinsia, Charles Ivita, Septimus Nouly, Pierre Andre Lorthe, Jehu Lutil, Plaisimond, Denis Chantelove, Cadet Fedeline, Jean-Baptisie, Emmanuella, Charles Davidson, Pierre Marie Suzie, Teveinn, Franzo Francois, Gerome Sergio, Seide Enock

 

Das neue Schuljahr hat offiziell am 3.10. angefangen. Ich hätte, wie in den letzten Jahren, am liebsten früher begonnen, aber die Mittel fehlten. Ich möchte in Trichet Hangars für die Schule bauen

lassen, dann wäre schon das Platzproblem gelöst. Was die pädagogischen Ziele betrifft, bin ich zurzeit sehr unzufrieden, weil ich ganz genau sehe, wo die Mängel sind und ich sie im Moment nicht beheben kann.

Ich bitte um Entschuldigung, dass ich die Patenschaften in letzter Zeit kaum betreue. Ich fühle mich sehr zerrissen. Die Belgierin Catherine hatte meinen Heimkindern, die sie entführt hat, erzählt, dass ihre Patengelder aus Belgien kämen. Sie hat die Kinder so sehr verängstigt, dass diese nicht wussten, was aus ihnen wird, wenn sie nicht mit ihr gingen. Diese Kinder wurden definitiv sexuell belästigt.

Wie sollte das weitergehen, wohin sollte dieser Weg führen? Bitte versteht mich richtig, ich weiß um die Freundschaft, die Fairness und die Ehrlichkeit der meisten unter Euch. Aber ich wusste nicht, wie Alois Vogg wirklich ist, er hat den Kindern wirklich sehr geschadet. Die Jugendlichen in Sapotille haben mir gesagt, dass sie zum erste n Mal, seit sie im Heim sind, das Gefühl hatten, sie seien Bettler und abhängig vom guten Willen von Spendern. Sie erzählten mir im letzten November wutentbrannt, dass Burgi, eine 66jährige Frau und Spionin im Auftrag von Alois Vogg, die ganze Nacht in ihrem Schlafzimmer leise herumgegangen sei, um zu kontrollieren. Sie wollten aggressiv reagieren, aber ich hatte bis dahin alles getan, damit meine Kinder die Alltagsgewaft auf Haiti sich nicht aneignen und sie ebenso ausüben     Sicher bleiben die aktuellen Patenschaften bestehen, aber ich weiß nicht, ob ich neue aufnehmen soll,- was ich tun soll.

Die drei Heime : Sapotille, Santo und Vaudreuil...

Seit dem Erdbeben ist innerhalb der Projekte nur der Wechsel beständig. Wir haben zurzeit 120 Kinder und Jugendliche in drei Heimen. An meiner Beziehung zu diesen mir anvertrauten Kindern hat sich nichts geändert. Ich bemühe mich, ihnen nach wie vor eine gute Ersatzmutter zu sein. Mein Angebot an sie ist völlig freiwillig, sie können es annehmen oder ablehnen. Freunde, die es mit mir gut meinen, sagen, ich solle keine Kleinkinder mehr aufnehmen. Sie haben Recht.

Ich habe nun die schmerzhafte Erfahrung gemacht, dass Kinder aus der sog. 3. Welt ein Spielzeug in den Händen von Europäern, die es nicht gut mit ihnen meinen, sein können. Den Kindern geht es den Umständen entsprechend gut, aber auch hier wird es so schnell nicht wieder wie vorher werden. Wir vermissen unsere Kinder und Geschwister, die bei dem Erdbeben oder danach ums Leben kamen Heute am 10.10. wäre Franky 26 Jahre alt geworden. Als man ihn aus den Trümmern befreite, flehte er seinen Heimbruder und besten Freund Herve und alle Anwesenden an, ihm ein Bein abzusägen. Wie hätte man das tun können? Franky bat um eine Säge… Im Krankenhaus in Saint Marc, wo hingefahren wurde und letztendlich starb, bat er die Ärzte wiederum inständig darum das Bein abzutrennen, um sein Leben zu retten. Seine Botschaft an seinen ältesten Bruder, die Herve überbrachte: „Es musste sicher so kommen, wie es gekommen ist. Nimm es an, es wird alles gut werden." Ich lernte Franky am 15.08.1990 kennen. Sein sterbender Vater bemühte sich sehr, mit mir zu sprechen. Er wollte seine Frau, die das zwölfte Kind erwartete, und die Kinder meiner Obhut anvertrauen. Die Frau starb Ende Februar 1991 im Kindbett; das Baby überlebte sie nur einen Tag. Es war ein langer, mühsamer Weg mit den 11 Kindern. Bis heute haben nur zwei Familienmitglieder überlebt: Verly, Frankys Bruder und eine Nichte der beiden. Verly ist seit letztem Jahr stolzer Vater eines Mädchens.

„Wenn die Kinder klein sind, gib ihnen Wurzeln; wenn sie groß sind, gib ihnen Flügel!"

Herve ist vor einigen Wochen aus dem Heim ausgezogen. Er war mit seinen damals 8-9 Jahren sozusagen Mitgründer des ersten Heimes. Er war sechzehn Jahre bei uns. Er wollte es zwar schmerzlos machen und teilte mir zwei Tage, bevor er auszog, nur mit, dass er gehe. Beim Weggehen tröstete er mich damit, dass er „nur" woanders schläft. Er war am längsten bei uns und ich fragte ihn kürzlich, ob ich ihn jemals mit einem Ochsenriemen geschlagen habe. Nein, antwortete er. Und ob er sich - außer damals, vor 10 Jahren etwa, bei einer Auseinandersetzung mit der Heimmutter Chantal - erinnern könne, dass er und ich wirklich böse aufeinander waren. „Nein!". Herve wird nächstes Jahr sein Medizinstudium beenden.

Robenson, das Patenkind von Uschi und nach deren Heimgang von Familie Lischka unterstützt, ist seit letztem Jahr Polizist. Das war sein Traumberuf, wovon ihn MJ nicht abbringen konnte. Ich wünsche ihm Erfüllung. Ich kann mir nur schwer vorstellen, wie man als Polizist in einem Land wie Haiti klarkommt, mit sich selbst und den Mitmenschen.

Das Mikrokreditprojekt...

läuft ganz langsam. Viele „Geschäftspartner" zahlen nicht zurück, weil ihnen gesagt wurde, dass das Geld ein Geschenk war. Einige, die schon lange unseren Tante Emma Laden oder das Mikrokreditprojekt kennen und andere, die nicht dumm sind, finden es toll, dass sie unter solch humanen

Bedingungen Geld leihen (2% pro Jahr) und versuchen können, aus dem Gröbsten herauszukommen. Mikrokredit wird üblicherweise auf Haiti zu 13% im Monat vergeben. Wir bemühen uns, dass das Projekt nicht eingeht.

Die Krankenstationen:

Als Folge des Erdbebens musste ich ständig kämpfen, um einigermaßen gute Fachkräfte zu finden. Ebenso kam es oft vor, dass wir heute eine Station aufmachten, die wir am darauffolgenden Tag schließen mussten, weil plötzlich eine große Hilfsorganisation kam und wirksamer zu sein schien (es aber nicht war). Die Krankenstationen in Jacquet und Ti Savanne haben wir aus diesem Grund vorübergehend geschlossen. Wir haben immer genug Arbeit mit unseren Stationen, mit unseren vielen Kranken.

Ein Highlight war im letzten August der Besuch von Dr. Edwin Klaus, Anästhesist und Schmerztherapeut, der ein Seminar über Schmerztherapie und Akupunktur für Anästhesisten, Traumatologen, Krankenschwestern und Medizinstudenten hielt. Das Seminar war erfolgreich.

Für die meisten Teilnehmer war der Stoff Neutand. Wir sind alle sehr dankbar für Ihren Beitrag, Herr Dr. Klaus!

Die Permanence Medicale Weissenberg in Cap-Haitien, Mombin-Lataille, wartet darauf in Betrieb genommen zu werden. Diese Tagesklinik wird in der zweitgrößten Stadt, der jede medizinische Infrastruktur fehlt, unentbehrliche Dienste leisten. Warum sollte ich nicht das tun, was mein ganzes Leben prägt, ich bete, dass dieser lang gehegte Wunsch Wirklichkeit wird. Ich weiß, dass wir am 31.01. 2012 eröffnen werden!

Marouge...

Landsleute, die nicht aus Marouge sind, wundern sich, dass ich mich immer noch mit den Projekten in Marouge plage. Es waren in diesem Sommer Mitglieder von Idem - Identity through Initiative

www.idem-network.org (www.haiti-future.org) dort und haben ein Workcamp organisiert. Sie haben die Hütten repariert, in den Schulen hier und da etwas geflickt. Sie haben Marouge und die Bevölkerung auf Anhieb gemocht, aber sie konnten nicht verstehen, dass die Bewohner für ihre eigenen Interessen so schwer zu motivieren sind. Immer weniger Haitianer interessieren sich für Marouge, sei es als Lehrer oder als medizinische Fachkräfte. Und doch sollte nicht nur Marouge Freundschaft und Hilfe großzügig und selbstlos erfahren, sondern alle Dörfer, die wie Marouge in Dunkelheit eingetaucht sind.

Herve soll diese Tage das neue medizinische Team nach Marouge führen. Möge Gott, dass es nicht mit Herve zurückkehrt! Hier liegt der große Unterschied zwischen dem Afrikaner, der nach seiner Ausbildung selbstverständlich in sein Dorf, zumindest für eine Weile, zum Einsatz fährt und dem Haitianer, der nur an eines denkt, das Weite zu suchen, die Dörfer zu verlassen, der oft ein hartes demütigendes Leben im Ausland in Kauf nimmt, anstatt sich mit seinem Schicksal zu identifizieren und zu versuchen, es milde zu stimmen. In Marouge will fast keiner mehr seinen kleinen Garten bestellen.

Ich habe die Hellwegschule noch nicht aufgemacht. Im Moment fehlt sowieso das Geld, aber als die Bevölkerung mir ausrichten ließ, dass sie nicht bereit sei, für Bücher und Uniform eine einmalige Jahresgebühr von 10 Euro zu zahlen, platzte mir innerlich der Kragen und ich sagte: „Na dann warten wir!“ Bei der Gründung der Schule und viele Jahre danach zahlten die Eltern 50 Cent Jahresgebühr. Die zwei letzten Jahre haben sie 6 Euros bezahlt. Jedes Jahr zahlt nicht einmal die Hälfte der Schüler die Gebühren. Heuer weiß die Bevölkerung, wie viel Ärger ich meinen Marouge Kindern verdanke und wundern sich eh, dass ich dieselbe geblieben bin, ihnen zugewandt. Herve wird zusammen mit den Lehrern und anderen Mitarbeitern die Schule nach Allerheiligen aufmachen.

La Genaue...

Als ich letztes Jahr dachte, dass die Vereinskasse genügend Geld habe, um die Schließung einer kleinen Dorfschule zu verhindern - die Gründer hatten keine Mittel -, sagte ich zu, die Schule zu unterstützen. Die Probleme, die nun dringend gelöst werden sollen, sind die klassischen, immer wiederkehrenden: Es fehlen Lehrerund Räume. Wir werden etwas Provisorisches basteln. Geplant ist, dass ein junger Mann mit viel pädagogischer Erfahrung und ich erst mal versuchen, den Lehrern auf die Sprünge zu helfen.

Das Behindertenprojekt...

braucht ein Dach überm Kopf. Der Traum der ersten Behinderten war ein schöner Traum. Wir, da ich mich ihrem Traum anschließe, möchten nicht betteln müssen, weil Menschen einen Arm, ein Bein, beides oder mehr verloren haben, sondern wir möchten an einem Ort zusammen kommen, über uns, unsere Fähigkeiten, was wir können, was wir verkaufen können, reden und dementsprechend mit kleinen Projekten anfangen. Wir möchten die Möglichkeit habenetwas zu erlernen. Wir trafen uns in den letzten Monaten unregelmäßig. Ich bin traurig und etwas beschämt, weil ich ihnen eine Hilfe versprochen hatte, die ich dann nicht mehr leisten konnte. Aber der Traum bleibt bestehen. Heute sind es etwa 200 Behinderte, die zu unserer Gruppe gehören.

Das Solarkocherprojekt:

EG-Solar wird mit mir und der „Aide ä l'Enfance Haitienne" weiter arbeiten. Darüber freue ich mich sehr. Obwohl es in Haiti gerade Regenzeit ist, kochen wir in Santo unser Mittagessen mit dem Solarkocher. Mir stehen, wenn ich zurückkomme, mehrere Solarkocherausflüge durchs Land bevor.

Dank und Zukunftsgedanken:

Vielen herzlichen Dank für Eure Spenden über die Pfarrei! Vielen Dank an meine Freundinnen in der Schweiz, in Spanien, in Amerika und auf Haiti für ihre Unterstützung auf verschiedene Art und Weise in diesen schwierigen Zeiten!

Eines Tages werden sich die Projekte selbst finanzieren können. Unsere Dankbarkeit allen Freunden gegenüber wird davon nicht beeinflusst werden, aber wir werden uns freier fühlen.

An Weihnachten denkend wünsche ich Euch einen guten Weg zur Krippe und einen guten Rutsch ins neue Jahr!

Eure Marie Josee